Frischer Lesestoff: MR. BASSMAN GEHT TIEF RUNTER

Bert Gerecht gräbt in seinen Erinnerungen: Ab 1968 Bassist in Ami-Clubs, tierische Bewusstseinserweiterung nicht nur beim Musikstudium, 1980 dann der kultige Laden Mr. Bassman. Der Rasende Bass-Bote machte ihn rasend, und wie war das mit seiner Bass-Bibel?  Dann Peavey, Fachblatt, Bass-Talk! Nach 45 CD-Produktionen wurde aus Hot Wire Records 1999 Hot Wire Bass, und was war sonst noch so los? Ein Schelmenroman aus der Frankfurter Szene.

 

MR. BASSMAN GEHT TIEF RUNTER. Ein Tatsachenroman

412 SEITEN, 19,90 €

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Leseprobe 1: Grand Opening

Am ersten August 1980 war es dann soweit. Mr. Bassman öffnete seine Tore! Ich hatte gerade eine intensive Zahnbehandlung laufen und musste mit tierischen Zahnschmerzen vorher noch dringend zum Zahnarzt. Die liessen mich warten... Ich sass auf heissen Kohlen im Wartezimmer und guckte die Uhr an. Langsam bewegte sich der Zeiger in Richtung 12, und ich sass im Wartezimmer und verreckte so langsam vor mich hin. Endlich kam ich dran, und ich kam ein paar Minuten zu spät zu meiner eigenen Ladeneröffnung.

Bäh! Aber mein freier Mitarbeiter Hennig hatte schon aufgemacht und die ersten Kunden begrüsst. Meine Eltern standen vor der Tür und beglückwünschten mich. Dann sagte meine Mutter, „Dein Opa in Holland ist gestern gestorben... Wir fahren morgen zur Beerdigung. Bleib du mal hier, wir machen das schon.“

Uuuäähh... Ausgerechnet mein Opa! Ausgerechnet jetzt! Der mir immer gesagt hatte, „je mot met je hande werke!“ Ich hätte ihm so gerne bewiesen, dass ich mit den Händen arbeiten kann. Aber für Trauer war erstmal keine Zeit. Ich musste mich um meine Kunden kümmern. Auch Gerd Knebel, der später mit „Badesalz“ berühmt werden sollte, kam an diesem Tag rein. Gegen Abend tauchte noch einer meiner  Gitarrenschüler auf und kaufte eine Hoyer Flying V, und der erste Tausender lag in der Kasse. Um 18:30 Uhr liessen wir die Rollläden runter, liessen die Korken knallen und zogen einen fetten Joint mit unseren Stammkunden durch. Mr. Bassman war jetzt offiziell am Start!
Kaum war der Laden auf, kamen auch schon die ersten Vertreter vorbei, zum Beispiel der von der Firma Hoyer. Der fuhr in einem riesigen Chevrolet Station Wagon vor, vorneweg ein Taxi, um ihm den Weg zu zeigen. Heute hat man dafür ein Navi! Aber das war 1980, und Navis gab´s höchstens im Flugzeug. Oder im Space Shuttle. Der gute Mann hatte tolle Sprüche drauf - er zeigte uns einen weiß lackierten Hoyer Taurus Bass: „Spermaweiß... da kannste kleine Macken selber spritzen!“  Was bei uns zu einem geflügelten Wort wurde.

Leseprobe 2: Messe-Stresse

Am Samstag, den 15. Februar 1986, eine Woche nach Fasching, ging die Frankfurter Musikmesse los. Wir hatten unseren Stand „G&F-Verlag“ am Freitag aufgebaut. Wir präsentierten den Rasenden Bass-Boten, Ausgabe Eins. Damit waren wir die nächsten Tage voll beschäftigt. Ich schaffte es nicht mal, am Samstagabend zum grossen Sioux-Konzert in den Sinkkasten zu gehen, so fertig war ich. Zu dumm, da hatte ich echt was verpasst. Denn Bassist R.D. Schnapka, „das Tier aus der Pfalz“, bollerte den ganzen Gig auf dem neuen Slapper Fünfsaiter, den Mr. Bassman ihm gesponsert hatte. 

Am Sonntagabend mussten wir selber ran: Matchbox Bluesband im Sinkkasten, mit Live-Recording auf der Fostex-Sechszehnspur. Das hatten wir mit den Jungs der Firma Fostex ausgemacht, denen waren wir freundschaftlich verbunden. Ich hatte eine 2 x 15 Electrovoice Box am Start, mit einem fetten Peavey Amp drauf, und badete im Bass-Sound. Die Hütte war voll, alles war gut. Aber es war schon hart, direkt von der Messe in den Sinkkasten zu fahren. Wie wir das auf die Reihe gekriegt haben, mit Aufbau und Soundcheck, weiss ich nicht mehr. Denn Kah Eff und ich konnten ja nicht vor 18 Uhr von unserem Messestand weg. Und wir beide waren die MBB Rhythm-Section. 

Nach dem Gig gingen alle mit irgendwelchen Mädels weg. Gepennt hat in dieser Nacht keiner so richtig. Am nächsten Morgen waren wir pünktlich um neun auf dem Stand und soffen einen Kaffee nach dem andern. Da hätte ich auch schon mal eine Runde Nasenpuder brauchen können.

Auch an diesem Montagabend war keine Zeit, eine ruhige Kugel zu schieben: Musiker-Magazin-Messeparty im Sinkkasten. Pflichttermin für mich als Redakteur der Bassabteilung. Ich war da, kann mich aber an nichts mehr erinnern. Muss also gut gewesen sein.

Am Dienstagabend hiess es dann: Mr. Bassman´s Con-Fusion! Im Sinkkasten-Programmheft stand: „Mr. Bassman, feinfühliger Basshändler mit Blues im Blut, realisiert in dieser Formation Sounds und Songs, die sich hervorragend für eine Hochdrucktherapie eignen. Das Programm besteht aus Jazzstandards in neuen Arrangements, exotischen Drucksachen, die gelegentlich bis zum Heavy Metal gehen und melodischen Funkeinlagen, bei denen der Blues durchschimmert.“

„Con-Fusion“ bestand aus Kah am Schlagzeug, Tillman an der Gitarre und mir am Bass. Das war unsere Fusion-Besetzung, und es war unser erster Gig! Wir hatten Peter Sonntag als Special Guest als Bass-Solisten dabei. Mit ihm hatte ich schon ein paar Duo-Auftritte mit Jazz-Standards absolviert. Peter kam enorm verspätet zum Sound Check, hängte seinen versifften Parka an einen Beckenständer. Der blieb dort hängen bis zum Ende des Konzerts. Unser Freund Wolfram (R.I.P.) machte ein Foto davon, wir haben noch lange über den Profi gelacht. Seine ersten Worte damals waren, „jetzt brauch ich erstmal nen Sechsfach-Stecker für meine Effektgeräte...“ worauf einer seiner Roadies sofort zum Kaufhof ausrückte, um einen solchen zu besorgen. Wir sind alles echte Profis.

An diesem Abend gab ich auch mein Debüt als Frontmann und führte mit freundlichen Worten durchs Programm. Wir hatten ein paar Gäste dabei, einen Percussionisten, seinen Namen habe ich vergessen, und eine schwarze Sängerin namens Andorra, die bei meinem Freund Mozart wohnte. Mit der konnten wir ein paar R&B-Nummern spielen. Ich glaube, der Kah war latent scharf auf sie. Romano, der neue Bassist von Flatsch! sang und spielte auch eine Nummer oder zwei mit, und überhaupt verging der Abend wie im Flug. Adrenalin pur! Es war auch etwas verschärft, denn es waren jede Menge Messe-Leute im Publikum. Auch mein Freund Wolfgang Schmid, Bassist von Passport, war präsent und gab mir noch ein paar gute Tipps zur Performance. Alle soffen ordentlich, in freudiger Erwartung, dass der Mittwoch der letzte Messetag war. Petra erinnert sich: „Ich war da, und ich fand es echt scheisse. Die schwarze Sängerin sang immer haarscharf am Ton vorbei. Und Fusion war sowieso noch nie mein Ding. Ich war nur als Motivationsstütze dabei.“
Rudi, der Sinkkasten-Booker, meinte jedenfalls nach dem Gig, wir könnten gleich einen neuen Termin machen. Kann so schlecht also nicht gewesen sein.
Den Messe-Mittwoch schafften wir so mit Ach und Krach, und packten mit letzter Kraft unseren Kram zusammen. Eigentlich hätte ich noch einen Termin gehabt, im Sinkkasten natürlich. Dort spielte Wolfgang Schmid mit Pete York und Lenny McDowell. Aber ich war endgültig im Arsch. Ab ins Bett, aber zum Schlafen, wenn´s denn machbar wäre.

Eine Woche später hörten wir uns die Sechzehnspur-Live-Aufnahmen der MBB an. Was war das? Ein blödes, unrhythmisches Geklapper war zu hören. Wir analysierten das, und fanden raus, das war der linke Fuß von Kah auf der Hi-Hat. Der bewegte sich immer wieder unkontrolliert, und erzeugte dieses Geräusch, aber er hatte das bis jetzt selbst noch nicht gemerkt. War bislang immer im Getöse untergegangen. Aber da diesmal die Hi-Hat richtig gut mikrophoniert war, war das deutlich auf allen Drumspuren zu hören. Aua-aua! Watt nu? Tja, Scheiss drauf! Es hätte ne schöne Live-LP geben können. Aber so nicht. Bäh. Die Aufnahmen wurden in die Tonne gekloppt. Schade, Kah. Wär so schön gewesen.

Leseprobe 3: Yuppie Disease 

Superbassist Percy Jones von „Brand X“ hatte ich im Sommer 1989 in London auf der British Music Fair kennengelernt. Pete the Fish von "Wal" brachte uns zusammen. Ich als Riesen Fan der alten Brand X Platten war begeistert!  Percy ist der typische „British Gentleman“, und sehr be-scheiden, obwohl er in der Bass-Szene ein Superstar ist, wir verbrachten den Abend zusammen, und wir hatten viel zu lachen. Er gab mir eine Kassette mit einer Solo-Produktion drauf, die er in seinem Apartment in New York aufgenommen hatte, und die pustete mich förmlich weg. Ich rief ihn in NYC an, nachdem ich mich beruhigt hatte, und sagte dass ich das toll fände und veröffentlichen wolle. Mittlerweile hatte ich ja Ulrich vom EFA-Vertrieb kennengelernt, und der meine, so ein irres Zeug könnte EFA gut verkaufen.  Für Percy war das „good news“ und er meinte, er würde das nochmal neu in seinem Wohnzimmer einspielen, direkt auf DAT.
So wurde „Cape Catastrophe“ 1990 auf Hot Wire veröffentlicht. Starke Musik, die vom EFA-Vertrieb in Frankfurt in die Läden gebracht wurde. Daraufhin lud ich Percy zur Musikmesse ein, und organisierte einen Percy Jones Solo Gig im Frankfurter Sinkkasten, mit jeder Men-ge Prominenz.
Es wurde ein rauschendes Fest: Wolfgang Schmid war da und hatte seinen Gitarristen Peter Wölpl dabei und überredete Billy Cobham, der auch auf der Messe war, dazuzukommen. Sie legten eine tolle Performance hin. Emmett Chapman spielte ein Stick-Solokonzert.

Wim Dijkgraaf, holländischer Bassist und Bass-Talk Kandidat, führte ein paar Solostücke auf. Es waren noch andere Gäste dabei. Höhepunkt allerdings war Percys Live Aufführung von „Cape Catastrophe“, er alleine am fünfsaitigen Wal Fretless Bass mit seinen Geräten. Auch wenn man es direkt vor sich sah, konnte man kaum glauben, dass das alles einer alleine machte. Er spielte eine volle Stunde durch, und das illustre Publikum war begeistert. Die beste Promotion für unsere neue CD!

Danach quartierte ich Percy in meinem Heimstudio in unserem Gästezimmer in Eschborn ein. Wir hatten eine gute Woche Zeit. Es galt, einen Percy-Jones-Track für Bass-Talk Two aufzunehmen. Zur Verwendung kam alles, was ich da hatte: zwei Korg M1, der neue Peavey DPM3, ein Mini Moog, ein Roland S700, ein Rocktron Bass Preamp und ein Electro Harmonix Bassball. Und Percy´s Wal Fivestring Fretless. Der Mann aus Wales ist ein Elektronik-Genie: Innerhalb eines Tages hatte er die diversen MIDI Geräte so verkabelt, dass tatsächlich auch was Sinnvolles rauskam! Alle Module wurden mit dem Atari vom Hybrid Arts Editrack Sequencerprogramm gesteuert, und ich hatte einen DAT Recorder ausgeliehen, um das alles digital zu aufzuzeichnen.

Am zweiten Tag begannen wir mit der eigentlichen Produktion: Percy hatte bereits eine vage Idee, was er aufnehmen wollte, und programmierte das Stück Takt für Takt. Es sollte eine Art HipHop werden, und der Bass sollte den Rap-Part übernehmen. Er brauchte ein paar Stun-den, um den Umgang mit dem Atari und dem Sequencer zu lernen, denn das war neu für ihn. Erstaunlich! Bei mir hatte es Wochen gedauert! Lag vielleicht dran, dass er John Player Special rauchte, ich qualmte derweil munter schwarzen Afghan. Ich lernte dann auch noch einiges durch die Beobachtung dieses Genies bei der Arbeit. Ich war ganz nah dran. Näher ging´s nicht.

Innerhalb von drei Tagen entstand so der Soundtrack, alles total digital aus den diversen Klangmodulen. Da wir als Aufnahmemedium nur den Stereo DAT Recorder hatten, musste der MIDI Backingtrack komplett fertig sein, und dann sollte der Bass in einem Rutsch zum Backingtrack live draufgespielt werden. Ohne Overdubs. Also spielte Percy einen Bass-Durchgang nach dem anderen, in einer ordentlichen Lautstärke, wegen der Inspiration. Petra war genau ein Stockwerk drüber mit den beiden Kleinen, und konnte das Stück irgendwann mitsingen. Mit Take 42 war Percy dann zufrieden. „That´s the master,“ sagte er, „it can´t get any better now.“ OK! Und wie heisst das Stück jetzt? „Yuppie Disease“, meinte er. Eine spezielle Krankheit in New York, die Yuppies befällt, wenn sie mit ihrem Porsche in Downtown NYC keinen Parkplatz finden.

Die CD „Bass-Talk 2“ erschien im Sommer 1991. „Yuppie Disease“ ist heute auch auf  Youtube zu finden. 

Zwischendurch wurde geplaudert, gegessen und viele John Player Specials geraucht. Percy Jones, in Wales geboren und aufgewachsen, war Gründungsmitglied von „Brand X“, der legendären englischen Fusion- und Prog-Rock Band der Siebziger, von der Drummer Phil Collins einst sagte, „Genesis ist meine Ehefrau, und Brand X ist meine Geliebte.“  Nachdem mit Brand X in den Achtzigern nicht mehr viel lief, zog Percy nach New York und heiratete. Dort hielt er sich mit gelegentlichen Gigs und Studiojobs über Wasser.  Dann hiess es, „es gibt ne Brand X Tour, halt dich bereit!“ Percy wartete... John McLaughlin rief an, ob Percy in seinem neuen Trio spielen könnte? Percy sagte, gern, aber  es gibt ne Brand X Tour. Als dann doch nichts draus wurde, rief Percy John an, aber der hatte mittlerweile schon Jonas Hellborg engagiert. Dumm gelaufen.

Dann erzählte Percy, dass ein Konzert in Japan mal mit „Branx D“ angekündigt war... kam keiner, wer is das? Und er sollte am Airport in Japan abgeholt werden, man würde ein Schild mit seinem Namen hochhalten. Er sah kein Schild und rief den japanischen Promoter an, der meinte, da wäre einer mit nem grossen Namensschild. Percy schaute sich um, und tatsächlich, da stand einer mit einem Schild „Perez Johnson“. OK, I see.... Dann war da noch die Story mit seiner ersten Band „London Connection“ (oder so ähnlich) wo bei einem Gig plötzlich der Drummer weg war, der kam wieder, dann fehlte der Gitarrist, usw... später kam dann heraus, dass ein Groupie hinter der Bühne Blowjobs an die Musiker verteilte hatte. Aha!

Nachdem „Cape Catastrophe“ sich ganz gut verkauft hatte, erinnerte sich Percy, dass Fodera Guitars 1984 eine Studio Produktion finanziert hatte. Mit Percy am Bass, mit  Musikern von Duran Duran, Suzanne Vega und Mike Clarke, den Drummer der Headhunters. Nur wollte keine Plattenfirma dieses heisse Zeug veröffentlichen... Percy verwendete die Kartons mit den Mastertapes als Stützen für sein Bücheregal (!) OK man, nur immer her damit! Ein Stück auf der CD heisst denn auch „Million Dollar Bookshelf“. So konnten wir mit „Propeller Music“ 1990 eine starke CD nachlegen. Diese Musik ist auch heute noch zeitlos, obwohl die damals verwendeten Synthesizer heute für manche Ohren etwas antiquiert klingen. Für das Mastering war ich wieder ins Tonstudio Bauer gepilgert, für das Cover hatte ich Fotos in Eschborn im Garten geschossen und diese im Bad Vilbeler Design Studio verfremdet. Das passende Coverfoto kam von Jens Christoph, der das „morgens um vier total im Tran in irgendeinem Urlaub“ geschossen hatte.

1992 reanimierte Percy Brand X und veröffentlichte auf Ozon Records die Produktion X-Communication. Über die Jahre erschienen diverse CDs mit Percy Jones, und ich freue mich, das irgendwie mit angescho-ben zu haben.

Mittlerweile ist Percy beim amerikanischen Label „Declassified Records“ untergekommen und veröffentlicht ungebrochen ein starkes Stück nach dem anderen.

 

Leseprobe 4: Gin and Hell

Manchmal wird aus einem geplanten Interview eine reine Zustandsbeschreibung. Besonders wenn die Chaoten unterwegs sind. Aber ich hatte schon eine Ahnung, was mich erwartete, weil ich die Charaktere schon oft anderweitig getroffen hatte. Da musste man flexibel sein. Besonders wenn es hiess: Jonas Hellborg is in town! Und hat Ginger Baker mitgebracht! Mit dabei an DX7 und Hohner Clavinet Keyboarder Jens Johansson von Yngwie Malmsteen. 
Ich betrat den Sinkkasten Backstage-Bereich als „Prof. Dr. Spassman“ im Auftrag des SOLO Magazins und winkte Jonas zu. Wir kennen uns seit Jahrzehnten, mittlerweile. Ich wurde von Ginger Baker äusserst freundlich begrüsst. „Would you be so kind as to ... fuck off,“  sagte er. Und zog an seinem dicken Joint.

„Sobald ich meine Story zusammen habe,“ entgegnete ich. „I have to work here tonight.“ 

Jonas gestikulierte wild hinter Ginger´s Rücken, wir sollten uns draussen unterhalten. Wir gingen raus an die Bar. Es war noch nix los. Jede Menge Zeit, ein ausführliches Gespräch zu führen. Ich schaltete den Walkman ein. Die Kassette hab ich heute noch. Irgendwo. An der Bar hatte ich zuvor einen Kollegen von einem HiFi Magazin getroffen. Der hatte das Interview mit Mr. Baker schon im Kasten, war aber nicht zufrieden damit. Er musste ihm jedes Wort aus der Nase ziehen, und konnte keine Fotos machen, „weil der permanent in einer Rauchwolke sitzt.“ 

Gigtime! Die Musiker betraten die Bühne. Ginger hatte jede Menge Joints vorbereitet und auf der Standtom bereitgelegt. Er zündete sich mit der Kippe des Letzten gleich den Nächsten an. Die Fans drängten zur Bühne, aber wichen jedesmal erschrocken zurück, wenn Ginger eine Zigarrenkippe zielsicher ins Publikum schnickte. „Those Swedish have no culture!“ verkündete er nach Jonas´ drittem Basssolo. Ginger schien gut drauf zu sein, zwischendurch ging er zum Bühnenrand und gab ein paar englische und irische Pub-Songs zum besten, nur vom Clavinet begleitet. Dann ging er zurück an die Drums. Der Sinkkasten ging in einem unbeschreiblichen Sound-Inferno unter. Ein irres Drum-Gekloppe, abgedrehte, dreckige DX7 Sounds und tierisches Bass-Gezocke: Nichts für schwache Nerven. Aber eingefleischte Hellborg-Fans liessen sich nicht abschrecken. Ich fand das supergeil.
„Waldenburg!“ Ginger Baker sprach Jonas Hellborg ständig nur mit „Waldenburg“ an. Nach dem Gig sassen wir Backstage und versuchten zu reden, während Ginger mit den Drumsticks auf der Resopal-Tisch-platte Paradiddles übte. Jonas erklärte, er habe herausgefunden, dass er einer alten deutschen Adelsfamilie entstamme. „Ein altes Rittergeschlecht aus dem 15. Jahrhundert, mein Schloss steht ganz in der Nähe von Karl-Marx-Stadt - du kannst mich ab sofort Graf Johannes von Waldenburg nennen!“
Ich fragte nach seiner EBS Anlage, für die er als Endorser unterwegs war. Keine da - aus Kostengründen spielte Jonas auf dieser Tour seinen Wal Bass mit ein paar Effektgeräten per DI über die jeweilige Hausanlage und verliess sich auf den Monitormix. „Sonst geht die Gage für Transportkosten drauf,“ lachte er. 
Dann kamen ein paar Kids rein, um nach Autogrammen zu fragen. Die Musiker signierten eine abgebeizte Gibson EB1-Bass Kopie. Auf die Frage, wann er wieder Jazz spielen würde, antwortete Jonas, man müsse mit der Zeit gehen, und empfahl den Kids, Ornette Coleman und Karl-Heinz Stockhausen zu hören. 
Zum Schluss wurde es dann noch philosophisch. Nach einem grossen Schluck Bier meinte Jonas: „Wir machen nicht immer Fortschritte, und meistens wissen wir erst hinterher, dass wir weitergekommen sind. Ist man in einer bestimmten Phase, denkt man, dass all die Sachen, die einem so passieren der Wahnsinn sind, auch wenn manchmal nur Scheisse passiert ist. Erst wenn wir dann etwas Abstand zu der Sache haben, können wir realisieren, was eigentlich passiert ist.“
Und was war der Titel der Story?
Natürlich: „Would you be so kind and ....fuck off!“

 

Leseprobe 5: Mr. Stuntman

Die Matchbox Blues Band brauchte dringend einen neuen Übungsraum. Über eine Annonce stießen wir auf einen Ex-Stuntman, der in Bornheim eine Karateschule betrieb. Der sah auch in etwa so aus wie Charles Bronson. An den Wänden hingen Fotos von ihm, wie er aus dem Flugzeug sprang oder in harte Kämpfe verwickelt war. Überall lagen dicke Matten rum, an den Wänden Turnstangen. Bei ihm konnten wir einen Raum anmieten, wo wir unser Equipment bunkern und auch einmal die Woche proben durften. Zu einem guten Preis.
Das ging ein paar Wochen gut. Dann kam mein Geburtstag näher, und ich plante, in unserem neuen Übungsraum zu feiern, mit Live-Musik. War ja alles dafür vorhanden. Ich verschickte ein paar Einladungen und besorgte Snacks und Drinks.
Vorher hatte ich noch mit dem Eigentümer die Konditionen abgesprochen. Feiern mit Musik gerne, aber bitte Ende ganz pünktlich um Null Uhr… Dann müssten alle raus sein. Och… unsere Parties gehen normalerweise etwas länger…. Und was passiert, wenn einer noch da ist, um Null Uhr?
„Oooch, dem passiert fast nichts… ich brech´ ihm nur alle Knochen.“

Klare Ansage! Ich gab das mal genauso weiter. Alle kamen, die Hütte wurde voll. Es wurde tierisch gejammt. Hochstimmung! Draussen war Glatteis, deshalb hatte unser Drummer Horst es nicht geschafft, von Hanau aus zu kommen. Mein Freund KahEff war gerne bereit, zu trommeln. Hatte er schon lang nicht mehr, nichtsdestoweniger war er in Topform und bollerte den ganzen Abend. (Er sollte dann zum Jahresende auch in die Band einsteigen.) Also alles bestens! Wir hatten auch einen Gitarristen eingeladen, der alle Johnny Winter Riffs drauf hatte. Mit dem konnten wir astrein Johnny Winter Zeug spielen. Meine aktuelle Freundin Sylvia war auch da, es war zwar nicht ihre Musik, aber ich gab ihr eine Handvoll Farbfilme, und sie war gut beschäftigt und machte jede Menge Fotos.
Gegen 23.30 Uhr wurde es plötzlich leiser… Einer nach dem anderen verabschiedete sich, und um Null Uhr war der Keller wie leergefegt. Auch Sylvia musste dringend noch mal ins „Cookies“. Charles Bron-son meinte, es wäre ´ne prima Fete gewesen, und er hätte sich richtig gut amüsiert. Ich solle doch bitteschön morgen früh um zehn Uhr wiederkommen, und alles schön saubermachen. Uh oh… Widerrede zwecklos. Mein Mr. Bassman Partner Gerhard meinte noch, hol mich morgen ab, ich helfe dir. Wir sassen noch ne ganze Weile mit den engsten Vertrauten bei mir auf der Bude zusammen, und nach einer kurzen Nacht quälte ich mich aus dem Bett und holte ihn ab. Bronson drückte uns Besen in die Hände und zeigte genau, wo wir was zu putzen hätten. Es ging ewig, und wir mussten auch da putzen, wo wir garnicht gefeiert hatten. Bronson stand die ganze Zeit mit den Händen in den Hosentaschen daneben und gab qualifizierte Kommentare ab. Bäh! Wir wollten nix sagen. Hätte ja doch nix gebracht. Und wir wollten unsere Knochen ganz lassen.
Endlich fertig. Beim abschliessenden Gespräch vertraute ich Bronson noch an, dass ich davon träumte, mal selbst eine grosse Hütte zu haben, wo ich mit Musik und Freunden feiern könnte… Und dann gäbe es kein Zeitlimit.
„So so, so, Mister Bässmän,“ sagte er mit leiser Stimme und schaute mich mit einem durchdringenden Blick an, „morgen holt Ihr all Euer Zeug ab. Das Mietverhältnis ist beendet.“ Und so war das dann auch. Wir fuhren alle hin am nächsten Tag, und Horst, der nicht gerade auf den Mund gefallen war, legte sich mit Bronson noch verbal an.
Der Typ wollte die Miete erhöhen und wir argumentierten, dass es zu viel sei, da wir nur einmal die Woche oder so reinkonnten. Der Typ schwafelte andauernd, das sei ein Kamelhandel, der mit ihm nicht zu machen sei, dann sagte Horst, iss mir egal, ob das ein Kamelhaarmantel ist, wir sind raus.
Horst hatte Humor, Bronson überhaupt nicht. Wir dachten schon, gleich fliegen die Fäuste, aber alle hatten sich grade noch so im Griff.
Wir mieteten sodann einen Übungsraum in Rödelheim an, witzigerweise in den ehemaligen Räumen von „Graaf Yussuf“, zum Preis einer Zweizimmer-Wohnung. Die Miete teilten wir uns mit zwei anderen Bands, die wir nie zu Gesicht bekamen. Es war genau festgelegt, wer wann wie lange proben darf. Hat aber immer geklappt. Und putzen musste auch keiner. So sah das Klo dann auch aus.

leseprobe 6: die rote schote

Ich war bei der guten Jule zu Besuch, und das lief immer auf das Eine hinaus. Es sei denn ihr kleiner Sohn war zu Besuch, und schlief in ihrem Bett. Dann war sie immer sehr keusch, und wir sassen in der Küche, unterhielten uns, spielten Brettspiele oder malten Aquarellbilder. 
Heute hatte ich Glück, der kleine „Satansbraten“ war bei der Oma. Wir sassen am Abend in ihrer Küche bei Kerzenlicht, aber verlagerten uns bald ins Schlafzimmer. Sie hatte mir gerade erzählt, sie hätte heute endlich ihren Telefonanschluss bekommen, die Post hatte ein Gerät bei ihr installiert, man könne sie jetzt auch anrufen, und ich müsste mir ihre Nummer aufschreiben.
Kaum befanden wir uns in der Cowgirl-Stellung, klingelte auch schon das brandneue Telefon. „Ich muss wissen wer da anruft,“ rief sie begeistert aus und sprang spontan auf. Ich meinte ein deutliches „Flupp“ zu hören.
„Ja, wer ist denn da? Nein, du störst überhaupt nicht!“ flötete sie.
Und es wurde ein längeres Gespräch. Ich lag derweil da und dachte nach. Fühlte ich mich jetzt funktionalisiert? Sollte ich vielleicht einfach gehen? Ich war angepisst und unentschlossen. Komm, jetzt zieh deine Hose an und hau ab, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Bleib liegen, scheiss drauf, gleich geht´s weiter, sagte die andere Stimme in meinem Kopf weiter unten. In mir brodelte es.
Nach einer gefühlten Stunde legte sie den Hörer auf und kam wieder ins Bett. „Wo waren wir stehengeblieben?“ Sie nahm breitbeinig auf mir Platz, mit einem gekonnten Handgriff führte sie mich ins gelobte Land, und wir waren wieder voll auf Sendung. Sie wusste auch immer genau, wie sie mich bei solchen Gelegenheiten auf hundertachtzig bringen konnte. „Morgen kommt der Martin“ genügte völlig. Dann gab ich nochmal extra Gas. Martin war ihr ex-Freund, den sie aber immer wieder traf. Bei dem sagt sie bestimmt „morgen kommt der Bert,“ dachte ich mir. Wollte aber nicht nachfragen.
Dabei hatte das ganz romantisch angefangen. Ich lebte teilweise bei Emm in der Bude, in ihrer 30 qm Sozialwohnung, und nahm manchmal den Müll mit runter. Am Container traf ich da oft auf diese junge, scharfe, rothaarige Schote mit riesiger Oberweite. Wir begrüssten uns immer ganz freundlich. Ich fand raus, dass sie schräg gegenüber wohnte. Sie war auch befreundet mit Rolle, der neben Emm wohnte. So kamen wir zusammen, gingen als Clique ins Kino, oder in ein Konzert. Da gab es auch einen Mark, einen Freund von Rolle, Millionärs-Sohn aus einer Geld-Familie, da machten wir auch gern mal Videoabende mit Bier und Chips.
Eines Nachmittags kam ich zu Emm, da standen dicke Plastiktüten an der Tür. „Da sind deine Sachen drin, du ziehst heute aus!“
Äh? Keine Ahnung, was is los? „Ja, ich bin ab sofort mit Mark zusammen, du musst gehen. Aber ich arbeite weiterhin im Laden, keine Sorge.“
So kann man´s natürlich auch machen! Unsere Beziehung war schon lang nicht mehr so heiss... OK, ich schnappte mir meinen Kram und ging wieder runter. Auf der Strasse sah ich sie, da war sie wieder, die rote Schote... Wow, günstige Gelegenheit!
„Hallo, sag mal, wir sehen uns immer hier auf der Strasse, hast du heut Abend schon was vor? Wir könnten mal Essen gehen.“
Bei der einen raus, und gleich bei der anderen rein. Das war gut. Und sogar in der gleichen Strasse! Um 20 Uhr sass ich bei Jule in der Küche. Sie hatte was für uns gekocht. Wir liessen es uns schmecken. Es lag was in der Luft, das war ganz klar. Nach dem Essen schlug ich vor, dass wir zu mir fahren. Etwas Musik hören. Das waren nur fünf Minuten mit dem Auto. Sie war erst kürzlich eingezogen und hatte noch keine Musik. Nichtmal ein Radio.
Als wir bei mir waren, ging es nicht um Musik. Ich wollte ihr an die Wäsche, und sie war auch nicht abgeneigt, aber sie dachte, ich wäre noch mit Emm zusammen. Und wollte Emm nicht in den Rücken fallen. Ich sagte ihr mehrmals, Emm hätte mich eben gerade rausgeschmissen, und ich wäre ein freier Mann. Sie glaubte es nicht so recht, und wir balgten uns eine Weile lustvoll auf der Couch, dann sagte sie:
„OK... Alter, ich fick jetzt mit dir, aber ich ruf morgen früh gleich die Emm an, und wenn das nicht stimmt, dann gnade dir Gott!“
Damit konnte ich leben. Sie kam über mich wie ein Orkan. Zwischendurch erzählte sie von ihrem Leben: Mit 17 heroinabhängig, auf den Strich gegangen, ca. 3000 Männer gevögelt. Danach Entzug, jetzt total clean und nur noch ab und zu mal einen durchziehen. In einer Ausbildung zur Kindergärtnerin. Einen fünfjährigen Sohn hatte sie auch.

Für die Fickerei brauchte sie keine Ausbildung, sie war perfekt. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon bei Mr. Bassman, Emm ging dran.
„Hallo Jule! Was gibt´s? Ja, Bert und ich sind getrennt, wieso?“ Das Gespräch ging im Flüsterton weiter. Dann legte sie auf, ging auf mich zu. „Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft! Ich freu mich für dich!“
Alles klar. Alle waren happy. Die leichteste Trennung die ich je hatte.